Klartext

Der Polizeierlass von NRW und sein Schöpfer

 

Von dem merkwürdigen Wandel des NRW-Innenministers Ralf Jäger

Bei Fußballfans ist er nicht gerade beliebt: Ralf Jäger, Innenminister des Landes Nordrhein-Westfalen. Das liegt wohl vor allem daran, dass er in der Vergangenheit auf ihrem Rücken, dem der Fans, eine politische Karriere hingelegt hat, die ihresgleichen sucht. Liest sich die Vergangenheit des Herrn Jäger eher nicht besonders aufregend, außer einem nicht abgeschlossenen Pädagogik-Studium wenig Bemerkenswertes, wurde er mit dem schwer kritisierten Sicherheitspapier des DFB und den in diesem Kontext stattfindenden TV-Talkshows plötzlich deutschlandweit bekannt. Während der politisch interessierte Bürger den Namen Jägers im Vorfeld höchstens aufgrund seines reichlich irritierenden Umgangs mit der Loveparade-Katastrophe wahrgenommen hatte, war Jäger plötzlich nicht mehr wegzudenken. In einem fort flankierte er nun seine Freunde von der Polizeigewerkschaft und wurde nicht müde, das Gefahrenpotenzial durch Fußballfans zu betonen.

Plötzlich war er deutschlandweit angekommen. Parolen wie „Straftäter reisen quer durch Deutschland, provozieren auf dem Weg zum Stadion Krawalle und Ausschreitungen“ stammen aus seiner Feder.

Schalke 04 wurde durch Jäger nach dem durch die Polizei veranstalteten Gewaltexzess beim Spiel gegen PAOK Saloniki persönlich ein Maulkorb verpasst. Schalke musste sich öffentlich erklären, dass die berechtigte Kritik am Vorgehen der Polizei „im Ton zu hart“ war, und sich verpflichten, künftig Kritik an der Polizei nur noch intern zu erheben. Durchaus bemerkenswert!

Wenn man aktuell nach dem Namen Ralf Jäger sucht, wird man allerdings überrascht feststellen, dass entgegen der zu erwartenden Kritik durch Fußballfans Kritik durch Personen aus seinem eigenen Lager laut wird: Innenminister, Polizeigewerkschafter, DFB-Funktionäre. Von allen Seiten hagelt es Protest gegen eine, nunja, zumindest für Herrn Jäger sehr überraschende Verfügung. So soll nach einem Erlass des Innenministeriums an den ersten vier Spieltagen deutlich weniger Polizei um die Stadien platziert werden.

Was ja grundsätzlich sehr zu begrüßen ist, wirft beim zweiten Hinsehen doch Fragen auf. Was soll denn eigentlich nach den vier Tagen geschehen? Will Jäger dann als Fazit ziehen, dass, wie der sogenannte Fanforscher Pilz erklärt, die Gleichung „mehr Polizei ist gleich mehr Sicherheit“ eben gerade nicht aufgeht? Dass ganze Einsatzzüge ab sofort in den Vorruhestand geschickt werden können, weil sich herausgestellt hat, dass Fußballfans weit weniger gefährlich sind, als bisher behauptet?

Ob Jäger dieses „Pilotprojekt“ zu Ende gedacht hat, mag bezweifelt werden.

Auf der anderen Seite scheint es durchaus vorstellbar, dass der umgekehrte Fall eintritt. Dass Chaos auf den Straßen und in den Stadien von NRW herrscht. Die Frage, die man dann diskutieren müssen wird, ist, ob dieses Chaos aus den Reihen der Fans stammt. Hatte es in der Vergangenheit doch allzu oft Feststellungen zu V-Leuten und Agents Provocateurs gegeben, die – so auch durch Behörden bestätigt – in Fanszenen eingeschleust wurden. Mit welchem Auftrag, wurde bis dato allerdings nicht erklärt. Vielleicht bringen die ersten vier Spieltage Licht ins Dunkel.

Jäger jedenfalls abzunehmen, dass er nach seinem Pilotprojekt bereit ist „positive Bilanz“ und entsprechende Konsequenzen zu ziehen, wird man von einem denkenden Fan nicht erwarten dürfen.